Korsika, 2.Tag: 24.3.2002


An das Schlafen in unserem Zimmer Nr. 9 müssen wir uns zuerst gewöhnen. Unter den zehn in unserer Gruppe gibt es nur zwei Ehepaare, ausser uns noch Paul und Paula. Die Hotelbesitzer haben es mit uns offensichtlich gut gemeint und uns ein Zimmer mit dem französischen Doppelbett zugeteilt. Ein breites Doppelbettlaken und darüber zwei Einzeldecken, das ginge noch - aber das Doppelerdbeben mit wenig gedämpften Matratzenschwingungen, wenn einer von uns sich im Bett umdreht, vernichtet die tiefsten Träume. Ich habe es vorher wissen müssen.

Morgen in Zonza
Das Frühstück ist für die Wanderer gedacht und reichlich: sehr guter heisser Kaffee, dazu dick geschnittene Scheiben vom korsischen Schinken und Käse, Brot und sogar Croissants von gestern. Und Jogurt und Honig und Marmelade und Toasts. Wir sind für unseren heutigen Rundgang zu der naheliegenden Ortschaft Quenza gut gestärkt.

Aus dem Zimmerfenster können wir das Zentrum von Zonza im Morgenlicht direkt beobachten. Es gibt hier einen Selbsbedienungsladen, einige kleine Geschäfte und noch nicht geöffnete Hotels und bescheidene Restaurants sowie eine Statue vom Soldat, der beim Verteidigen seines Vaterlandes irgendwo in Algerien oder Vietnam heldenhaft starb. Und darüber scheint etwas zaghaft die Frühlingssonne und spendet dem Orte seine 5 Grad plus.

Kirschblüte

Bevor wir zu der Rundwanderung aufbrechen, erforschen wir die Sehenswürdigkeiten von Zonza: Die Hauptkreuzung, die Hauptstrasse und vor Allem die Bäckerei, den einzigen Laden, wo man morgen früh herlich frische Baguettes kaufen kann. Und die Kirche mit einem Turm wie ein Minaret und die blühende Kirsche an einer für Korsika so typischer Steinmauer aus Granitblöcken.

Bachüberquerung
Der Weg nach Quenza führt durch dichte Wälder, überwiegend aus Kiefern und Steineichen bestehend. Ruhe, nichts als Ruhe, keine Turistenmassen, dafür jedoch singende Vöglein. Und Bächer mit sauberem, kristallklarem Wasser und runden Graniteiern drinnen. Manchmal gehen wir über eine zierliche Brücke aus Allu, die in ihrer Mitte schaukelt und vibriert. Manchmal müssen wir jedoch an den runden Steinen über das Wasser balancieren, aber nur einer von uns tritt daneben und muss seine Stiefel ausziehen und den Inhalt ausschütteln.

Ab und zu öffnet sich der dichte Wald und gibt uns den Blick auf die umgebende Bergwelt frei. Mitte zwischen den Bergen eingebettet liegen die kleinen Ortschaften, ziemlich verlassen und für sich alein gelassen, mindestens in dem Frühling noch. Da ihre Bewohner im Winter anderswohin gehen, um Geld zu verdieben oder auch nur zu empfangen, stehen hier so viele Häuser leer, wenn auch nicht ganz verlassen. Was sollen hier die Menschen ohne die Touristen tun?

Quenza

Zonza abends

Auf das Wetter kann man sich hier, wie in den Bergen üblich, nicht sicher verlassen. Wir wissen zwar, dass die Temperatur in den nächsten Tagen sinken soll, nur es muss nicht unbedingt so stark sein. Mehr und mehr Wolken bedecken den anfangs klaren Himmel und wir werden es noch öfters erleben: gegen Mittag erscheinen die Wolken über den Bergen mit bewunderswerter Regelmässigkeit und sie wachsen weiter bis Abend. Für heute bleibt es jedoch nicht nur dabei, darüber hinaus fängt es noch an zu schneien. Nicht viel, jedoch mit steigender Tendenz, so dass, als wir Zonza und unser Hotel erreichen, sieht die Welt im Vergleich zu der vom Morgen kaum ähnlich aus.

Wir haben den ersten Kontakt mit unserem Wandergebiet geknüpft und es ist vor Allem die romantische und saubere Natur, die uns beeindruckt. Die Wandergruppe besteht meistens aus Lehrerinnen und Lehrern, die die Osterferien dazu nutzen, den Schülern für kurz zu entkommen. Alle verstehen sich gut und haben auch zu uns beiden, die zu der Generation ihrer Eltern gehören, eine gute Beziehung gefunden. Und wir beide stellen wieder mit einer angenehmen Genugtuung fest, dass wir mit ihnen immer noch Schritt halten können.


Kulinaria am Abend: Korsischer Frischkäse mit Kräutern im Blätterteig überbacken, Huhn mit Krabbensauce (Krabben nicht essbar, jedoch malerisch), dazu Reis (die Korsen verabscheuen offensichtlich Salz). Rotwein des Hauses, danach Käse.


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