Jan´s Fahrrad

     Nach Detmold umgezogen hat Jan beschlossen, anstelle der nicht mehr vorhandenen Gartenarbeit, eine andere Art körperlicher Bewegung zu brauchen. Und nach einigen Überlegungen war seine Entscheidung reif: er hat sich ein Fahrrad gekauft. Nicht irgendein - die Gegend um Detmold ist hügelreich – also ein mit guter Ausstattung. Kein Pedelec, ein Apparat mit Hilfsmotor, sollte es sein, das Schwitzen war eingeplant und eine eventuelle Gewichtsabnahme durch Muskeleinsatz war auch inbegriffen. Das erste hat sich als eine realistische Erwartung bestätigt, bei dem zweiten blieb es nur beim Wunsch. Nichtsdestotrotz hat sich das Fahrrad als nützlich erwiesen und – wie das folgende Bericht beweist – steht erfolgreich im Gebrauch.

Meine Reise mit Fahrrad von Detmold/Hiddesen nach Bad Lippspringe und zurück.

     Die Entscheidung war nicht neu – ich habe über die Reise bereits vor Monaten nachgedacht, aber die Startzeit war vom Wetter abhängig und immer wieder kam etwas dazwischen. Nun hat sich der kommende Freitag als günstig gezeigt.
Karte      Die Vorbereitungen waren einfach: einige Prospekte über die vorgesehene Trasse und über die Stadt durchgeschaut, iPad aufgeladen und die wichtigen Telefonnummern im Handy überprüft. Dazu die stärkste Brille und eine Halbliter- flasche mit Wasser aus dem Kühlschrank in die kleine Tasche am Lenkrad und ein leichtes T-Shirt gepackt. Morgen um 10 Uhr geht es los. Gut gelaunt und in Erwartung der kommenden Ereignisse sprang ich auf mein Cabrio und bergab geht es nach Heiligenkirchen. Bergab zuerst, Freude an der Geschwindigkeit und die milde Luft im leichtem Gegenwind – schön fängt es an. Die erste Etappe bis zu der Kreuzung in Berlebeck kenne ich bereits aus früheren Expeditionen, ich weiß, wo ich abbiegen soll und wie die Steigung ist. Erst ab dieser Kreuzung weiter bin ich die Trasse nur einmal durchgefahren, sie ist jedoch gut beschildert. So erwarte ich zuerst ein Stück Feldweg, jedoch gut asphaltiert – und dann geht es in die Berge. Die erste etwas schwierige Steigung kommt, aber noch bin ich frisch und brauche die Kräfte nicht besonders zu schonen. Doch das letzte Stück kurz vor dem Schützenhaus fahre ich im ersten Gang und oben angekommen, steige ich vom Fahrrad runter und lege den ersten, kurzen Rast ein.
     Weiter geht es jetzt steil bergab, ich lasse eine gute Geschwindigkeit von fast 40 km/St zu, die Straße ist gut ausgebaut. Bis zum Tal dauert es nur eine knappe Minute, dort öffne ich mein iPad und stelle fest, dass ich die Trassenaufzeichnung nicht eingestellt habe. Kein großer Fehler, ich ersetze die bekannte Strecke mit einer Geraden. Nun ist die Zeit gekommen, die erste Erleichterung der Trasse einzuschalten – ich werde bis nach Horn die gute Externsteinstrasse nehmen und so weiche ich dem sehr steil steigenden Fahrradweg zu den Externsteinen aus. Ich hoffe, das ich in Horn einen Anschluss an den Fahrradweg nach Bad Lippspringe finde.
     Gemacht und gelungen. Weil wir schon oft diesen Weg mit PKW zur Autobahn gefahren sind, kenne ich mich soweit aus, dass ich nicht die Karte anschauen muss und die nächsten 11 km nach Schlangen problemlos durchfahren kann. Was für eine Änderung nach dem steilen Anstieg, der weg ist jetzt flach und bequem – zuerst. Doch nach wenigen Kilometern erreiche ich wieder die südöstlichen Ausläufe vom Eggegebirge und es geht, parallel zu der B1, durch Wald rauf und runter, zuerst auf einer asphaltierten Straße, später auf einer Schotterpiste und ab und zu durch einen nur mangelhaft befestigten Waldweg. Der Schatten im Walde ist angenehm und ich habe immer noch Kraft genug.
     Erst unweit von Kohlstädt verlasse ich den Wald und fahre durch eine dünn besiedelte Gegend. Es bleiben noch 6 km nach Schlangen, aber der Weg ist relativ bequem und ich komme zügig voran. Nicht viel Interessantes ist zu sehen, wenig Verkehr auf der Landstraße, guter Fahrradweg. In Schlangen angekommen, sieht es schon besser aus. Die Stadt ist zwar nicht groß aber es sind ab und zu Geschäfte zu sehen. Plötzlich taucht ein Fahrradgeschäft auf der rechten Seite mitten in der Stadt auf und dieser Blick erinnert mich daran, dass ich meiner Kette etwas gutes machen kann. So gehe in das Geschäft, dort fragt mich eine Frau, ob sie mir helfen kann und ich antworte, dass sie das könnte, wenn sie wollte. Ich bitte um ein paar Tropfen Öl auf meine Kette und sie sagt, dass es ginge, jedoch muss ich mein Rad außer der Pflasterung aufstellen. Das mache ich gerne und sie kommt tatsächlich mit einer kleiner Plastiktube und fängt an damit zu arbeiten. Nichts kommt raus, auch mit einem zweiten Versuch nicht. Also geht die gute Seele in die Werkstatt und kommt mit einer anderen Öldose zurück. Diesmal hat sie Erfolg und auf meine Frage, was ich schuldig bin, lächelt sie nur leise und so lächle ich auch leise und bedanke ich mich.
     Nach Bad Lippspringe ist es nicht mehr weit und auf meinem Tacho zeigen sich schon 25 km, die ich heute durchgefahren bin. Etwas mehr als ich erwartet habe und zum Ziel bleiben noch einige übrig. Doch auch die werden bewältigt – trotz einer kleinen Irr-fahrt - und die aufgetauchte Detmolder Straße in Bad Lippspringe meldet, dass ich mein Mittagsessen bald finden werde. Diese Straße ist lang und führt mich quer durch die ganze Stadt in Nord-Süd Richtung. Zuerst erscheint der übliche Vorort mit seinen kleinen und später auch größeren Häusern, denen nach und nach auch einige Geschäfte folgen, bis ich das Stadtzentrum erreiche. Ich fahre die ganze Stadt durch und das Stadtbild zeigt sich in der umgekehrten Häuserfolge, bis ich entscheide zurück zu fahren. Jetzt suche ich gezielt eine passende Einrichtung, wo ich mich für die zweite Hälfte meines Abenteuers stärken kann. Ein griechisches Restaurant wäre eine Möglichkeit, liegt jedoch direkt auf der vielbefahrenen Hauptstraße, das gefällt mir wenig. Im Zentrum der Stadt angekommen wähle ich eine Nebenstraße namens Lange Straße und habe Glück: ein kleines italienisches Restaurant bietet sich an.
     Ich gehe rein. Ein älterer Mann – jünger als ich – gepflegt und höflich, antwortet auf meine Frage nach Essen und einer Möglichkeit, das Fahrrad abzustellen, positiv. Ich könnte draußen mein Essen nehmen, entscheide mich jedoch für das Innere des Hause, weil es mir dort ruhiger erscheint. Es gibt dort keine Gäste und so kann ich meinen Tisch frei wählen, ich nehme einen kleinen. Nachdem ich meine gelbe Jacke ausgezogen und meine Hände gewaschen habe, bestelle ich mein Menü: zuerst eine Flasche Wasser, dann ein vegetarisches Antipasti, danach einen Teller großer Scampis und ein Glas Soave. Danach rufe mit dem Handy nach Hause an, wie ich versprochen habe, und bin sogar gut in Zeit, es ist jetzt halb eins. Die Anfahrt von beinahe 30 km hat also zwei und eine halbe Stunde gedauert, für die ziemlich bergige Strecke halte ich es für eine gute Leistung. Ich bin jetzt nicht mehr so frisch wie am Anfang der Tour aber immer noch ganz gut in Form.
     Während ich telefoniere bring der Kellner einige Scheiben Weißbrot, ein Tellerchen mit der Kräuterbutter und das bestellte Wasser. Ich nutze die Wartezeit, die durchgefahrene Strecke auf dem iPad zu betrachten und sogar grob die Fortsetzung meiner Reise zu planen. Zurück will ich durch das militärische Sperrgebiet fahren, das nach meiner Auskunft im Internet ab 13.15 geöffnet werden soll, also will ich in Richtung Augustdorf, quer durch die Senne. So werde ich die Ausläufer vom Eggegebirge umfahren und die bergigen Steigungen weglassen. Es sind immer noch gute 25 km zu fahren und in Augustdorf kenne ich eine sympathische Eisdiele, wo ich sicherlich auch eine Tasse Kaffee bekomme.
     Die aufgetragene Vorspeise unterbricht meine Überlegungen auf durchaus angenehme Art. Sie schmeckt mit dem Butterbrot ausgezeichnet und ich habe nur Bedenken, ob es nicht zu viel ist. Es hat sich gezeigt, dass es mit einem Schluck Soave nicht zu viel war, eigentlich habe ich heute bereits einige Kalorien verbrannt. Die Fortsetzung – die fünf Riesenscampis – habe ich ohne Bedenken aufgegessen, weil sie sehr gut vorbereitet waren, leicht und schmackhaft, und auch der Soave passte dazu ausgezeichnet. Im jenseits … Ein doppeltes Espresso danach. Und dann der Rest vom Wasser. Bitte zahlen!
     Das Fahrrad habe ich vorher hinten im Hof neben einer Arztpraxis abgestellt und es sollte dort noch eine Weile bleiben. Ich habe vor, diese Stadt noch zu Fuß zu erforschen. Nur wenige Schritte weiter befindet sich der Kurpark und daneben die Heilwasserquellen. Zuerst gehe ich zu dem Kurpark, um die Auswirkung des Soave auf einer Bank zu mindern. Erstaunlich, ich sehe hier nur wenige Menschen und lediglich ein paar kleine Kinder spielen bei der Rutsche und schaukeln daneben. So sitze ich ruhig auf einer Bank im Schatten, bis zwei betagte Damen zu der Bank kommen und mir die Gelegenheit geben, die hiesige Burgruine näher anzusehen. Alles ist dort geschlossen, aber es gibt wieder eine Bank im Schatten, sehr günstig für den Soave. Nach einer ruhigen Weile schaue ich mir die berühmte Lippequelle an und gehe zu der nähen kaiserlichen Trinkhalle. Sie ist auch geschlossen, nix Wasser. Und so wird es langsam Zeit, zurück zu gehen und die Stadt zu verlassen.
     Welchen Eindruck habe ich hier gewonnen? Bad Lippspringe ist eine angenehme, äußerst saubere und gepflegte Stadt, jedoch habe ich dort ganz wenig Leben angetroffen. Kaum Leute sind auf den Straßen zu sehen, die Stühle vor den Hotels so gut wie leer, im italienischen Restaurant war ich der einzige Gast und im Kurpark spaziert nur eine Handvoll Besucher. Woran liegt es? Die Dame in dem Touristeninfo meinte, dass es Urlaubszeit und es zu heiß ist. Das ist aber in Detmold auch und trotzdem …
     Für die Rückreise muss ich in Richtung Norden fahren und den entsprechenden Anschluss nach Augustdorf finden. Deswegen konsultiere ich oft meinen iPad, der mich auf diejenige Gasse führt, wo ich vor dem Mittag irrtümlich schon war, nachdem ich einen Wegweiser falsch gedeutet habe und wo der Straßenbelag katastrophal buckelig ist. Diesmal ist jedoch die Durchfahrt richtig und ich bin sicher, dass ich den Anschluss antreffe. Also weiter auf den abgerundeten Steinen, den Lenker fest mit beiden Händen haltend. Noch muss ich nur die B1 auf einer Brücke überqueren, ein Stück weiterfahren und dann links in die entsprechende Straße einbiegen. Und so war es auch, bis auf die Kleinigkeit, das die Zufahrt geschlossen war. Entweder ist es immer so und diese Verbindung nach Augustdorf ist nicht öffentlich zugängig oder haben heute die Söldner vergessen, das Stoppschild wegzunehmen. Keine andere Möglichkeit als weiter zu fahren. Und dieser Weg führt zurück nach Horn und weiter über Eggegebirge, keine freudige Aussicht. Nach Detmold noch 25 km. Ich nehme einen Schluck aus meiner inzwischen halbleeren Wasserflasche und radle los. Noch ist die Gegend relativ flach aber die ersten Erscheinungen einer Müdigkeit melden sich deutlich. Unterwegs überholen mich zwei junge Damen mit Mountainbikes, ich sehe von hinter zwei Paar schöne Beine und denke daran, dass ich früher auch mal schöne Beine hatte, nur nicht so schöne. Weiter radeln.
     Kurz nach Kohlstädt nähern sich wieder die Berge und ich trete und trete. Immer wieder schalte ich die Gänge runter, bereits eine sanfte Steigung braucht die Stufe 3 oder sogar 2. Dazu kommt, dass mein Wasservorrat sich zu Ende neigt und ich Wasser sparen muss. Wo ist die Eisdiele in Augustdorf geblieben und warum finde ich keinen geeigneten Ersatz unterwegs? Weiter treten. An einer Stelle muss ich unter die B1 zum Bach runter und dort ist eine nasse schlammige Stelle, die ich nicht umgehen kann und wo ich die Reifen dreckig machen muss. Vielleicht, wenn ich irgendwo schnell genug fahren werde, geht der Dreck durch die zentrifugale Kraft weg (er ging nicht weg). Stück weiter ist der Weg so steil, dass ich das Fahrrad schieben muss, ich konnte nicht einmal im ersten Gang die Steigung bewältigen. Auch auf den weiteren Kilometern kann ich nicht immer im Sattel bleiben, die Beine wollen nicht mehr und so gehe ich neben dem Fahrrad langsam bergauf und sehne mich nach dem Ende des Hangs. Und endlich erreiche ich den höchsten Punkt auf dem Wege nach Horn, den ich durch den hohen Zaun an der Straßenseite wieder erkenne. Weiter kann es nicht mehr schlimm sein. Eine ziemlich lange Abfahrt gibt meinen Beinen eine bitter nötigte Erholung und an der Stelle, wo sich der Weg teilt, rechts nach Horn und links zu den Externsteinen, trinke ich die letzten drei Schluck Wasser, die mir noch geblieben sind und entschließe mich, in Richtung Externsteine zu fahren. Ich werde nicht bis zu den Steinen fahren, ich weiß, dass ich unterwegs einen Weg nach Holzhausen kreuzen werde. So spare ich mir die Talfahrt und bleibe relativ hoch. Und übrigens ist es auch der kürzere Weg nach Detmold, das ist entscheidend.
     Also fahre ich links auf einem buckligen Waldweg, bergab und langsam und begegne einigen Leidensbrüdern, die sich mühsam nach oben quälen. Ich erhole mich dabei einigermaßen, so dass ich die kommende Steigung langsam aber im Sattel schaffen kann und halte Ausschau auf die nächste Gipfelstelle am Waldfriedhof, die ich aus der Vergangenheit kenne. Endlich kommt sie und danach die sehr steile Abfahrt durch Holzhausen. Dieses Stück Weg bin ich schon einmal bergauf gefahren und teilweise auch neben dem Fahrrad nur gegangen und damals habe ich beschlossen, dass es mir nie mehr passieren soll.
     Unten im Tal reingekommen bin ich in unmittelbaren Nähe der Externsteinstrasse, so wie ich es geplant habe, und der ich bis nach Heiligenkirchen folgen werde. Wie ein angenehmes Gefühl es ist, auf einer perfekt glatten Straße im hohen Gang zwischen 30 und 40 km/St zu sausen, auch wenn mir daneben die Autos vorbeifahren, aber ich komme schnell und nicht zu anstrengend dem zuhause näher. Ich nehme jetzt den kürzesten Weg durch Heiligenkirchen, am Forellenhof vorbei. Das letzte steile Stück bis zu den Apfelbäumen muss ich zwar wieder schieben, aber dann bin ich schon in mir gut bekanntem Terrain. Den Teutenholzweg befahre ich nicht wie üblich im vierten Gang, diesmal benötige ich teilweise sogar den zweiten, aber es geht. Dem Hunde in einer Biegung bin ich knapp ausgewichen und ein PKW kam mir entgegen genau dort, wo ich ihn nicht haben wollte und stark bremsen musste, aber hier ist jetzt schon der Römerweg. Im Hofe des Augustinum lese ich mein Tacho ab, es sind die 63,5 km, die ich geschafft habe. Es war mehr, als ich erwartet habe. An schwachen Beinen aber mit gutem Gefühl erreiche ich den Aufzug, die 727 und die Dusche drinnen. Und das war es.
Am 9.8.2014

Am 30.Juni 2015: nach Altenbeken

      Altenbeken ist eine Stadt bestehend aus dem Bahnhof und seiner Umgebung, wobei der Bahnhof an äußersten Nordseite dieser Umgebung liegt. Berühmt ist die Stadt durch den grandiosen Viadukt, der bereits seit mehr als 150 Jahren existiert. Einmal sind wir auf einer Heimreise an dieser Stadt vorbei gefahren und die umliegende Landschaft hat uns so gefallen, dass Jan beschlossen hat, hierher mit seinem Fahrrad zu fahren.
Jan berichtet:
Nach Altenbeken       Den endgültigen Anstoß zu meiner Entscheidung gab mir eine Einladung des AFC zu einer Fahrt nach Altenbeken, die ich zwar nicht eingenommen, jedoch die Beschreibung der Trasse studiert habe. Nach einigen Informationen aus Internet war ich dann so weit vorbereitet, dass ich nur das passende Wetter brauchte. Und am 30. Juni 2015 habe ich 2 Bananen, eine Flasche Wasser, ein zweites Hemd, mein Handy und iPad in die Fahrradtasche eingepackt habe und los ging es.
      Die erste Hälfte der vorgesehenen Trasse kannte ich bereits, es ging durch Heiligenkirchen und Berlebeck in Richtung Externsteine und Horn, wo ich die B1 überqueren musste. Und dort fing die unbekannte Gegend an.Die Überquerung hat sich als ein kleines Problem gezeigt. Zuerst habe ich versucht, die Straße für Fahrzeuge zu nehmen und einen passenden Anschluss zu finden. Nichts war für die Fahrräder vorgesehen, man konnte nur mit PKW durch. Also musste ich ein Stück zurück radeln, mich an die ziemlich unglaubwürdigen Schilder mit Anweisungen für die Fahrradbenutzer halten, die mich auf einem engen Pfad weg von der Straße in den Wald dirigierten. Doch zu meiner Überraschung ist es mir doch gelungen, den erwünschten Anschluss zu finden und weiter den geplanten Weg zu benutzen. Und es war ein wirklich schöner Weg, der mich durch einen. dichten Wald aus hohen Fichten geführt hat, bis ich eine Gemeinde namens Veldrom erreicht habe, Nur ein paar hundert Meter weiter hat sich der Name Veldrom in einen Namen Feldrom geändert, da musste ich die bewundernswürdige Phantasie der Ureinwohner bewundern.
      Weiter ging es in Richtung Kempen durch ein breites Tal quer durch die Felder und vor allem durch üppige Weiden mit frisch gemähtem Gras. Und links und rechts immer wieder kleine Herden von jungen Kühen, die einen sehr zufriedenen Eindruck machten, kein Wunder in diesem üppigen Futterangebot. Die Landschaft vermittelt einen friedvollen Eindruck durch die allmählich steigenden Böschungen, an welchen man ab und zu kleine Gruppen von Obstbäumen neben den Bauernhäusern mit roten Dächern sehen kann. Und alles ist sehr ordentlich und gepflegt, wie es die Regel in diesem bescheidenem lippischen Lande ist.
      Kurz nach Kempen mündet der Feldweg in eine breite asphaltierte Straße, nach Altenbeken ist es nicht mehr weit. Mein Tempo steigert sich und ich fahre schnell bergab in ein Tal, in dem sich der Ziel meiner Reise befindet. Die Abfahrt ist mindestens vier Kilometer lang und ich hoffe, dass ich auf dem richtigen Weg bin und nicht werde zurück fahren müssen, weil ich mich verirrt hatte. Die ersten Häuser der Vorstadt tauchen auf und ich sehe auch die Windmühlen, die am Rande des Stadtgebiets stehen. Bereits zu Hause habe ich mir den Stadtplan angeschaut und so hoffe ich, dass ich in der Stadt irgendwelche Probleme mit dem Orientieren nicht haben werde, dafür ist die Stadt auch nicht groß genug.
      Langsam fahre ich durch die Hauptstraße durch und schaue mir die Geschäftsfassaden an, bis ich zum Zentrum gelange. Eine Säule mit vielen Wegweisern gibt mir die erste grobe Information darüber, was in dieser Stadt zu finden ist. Das momentan wichtigste ist die Richtung zum Bahnhof, weil ich zurück nach Hause mit einem Zug fahren möchte. Dass die Züge im Stundentakt fahren, habe ich mir schon zu Hause gefunden, ich möchte trotzdem die für mich neue Aufgabe der Zugbeförderung meines Fahrrads näher untersuchen.
      Nur etwa hundertfünfzig Meter weiter finde ich die Bahnhofstraße, die ziemlich steil steigt und mich zwingt, auf der buckligen Oberfläche mein Fahrgerät zu schieben. Aber es ist nicht zu weit. Ich schließe mein Rad an einer Metallstange an und begebe mich auf die Untersuchung. Am Bahnsteig Nr. 21 finde ich ein Auskuftbüro mit einer sympathischer Dame, die vor sich eine Tastatur und einen Teller mir bereits zur Hälfte aufgegessenen Erdbeeren hat. Von der bekomme ich wichtige Antworten auf meine Fragen: kann ich mein Fahrrad nach Detmold mitnehmen, an welchen Bahnsteig kommt der Zug und wo finde ich den Wagen, in dem ich mein Fahrrad unterbringen kann. Es wird mir auch ein Hinweis gegeben, dass die Fahrkarten links „um die Ecke“ verkauft werden.
      Also gehe ich links um die Ecke und finde die erwähnte Stelle, wo von einer anderen jungen Dame neben der Fahrkarten auch Zeitschriften und belegte Brote angeboten werden. Auch eine Kaffeemaschine ist vorhanden, für die Fahrgäste, nehme ich an. Hier kaufe ich also die Fahrkarten für mich und mein Fahrgerät und werde deutlich angewiesen, vor Zugabfahrt die Karten zu entwerten. Weiter wurde mir erklärt, wie ich mit einem Aufzug mein Rad hoch zum Bahnsteig schaffen kann. Zu Ende unserer Unterhaltung bitte um eine Empfehlung, wo ich zum baldigen Mittag ein Essen bekommen könnte. Eine kurze Überlegung und dann kommt der Tipp: „In der Pizzeria Gloria“. Ich bedanke mich, um eine Viertelstunde später festzustellen, dass Pizzeria Gloria am heutigen Dienstag erst zu Abend öffnen wird.

Viadukt

      Vom Hungertod rettet mich eine kleine Kneipe, wo nichts anderes als Schnitzel mit Pommes frites zu haben ist, aber mit einer Flasche Cola reicht es mir aus. Kurz erholt mache ich mich auf die Suche nach dem Viadukt und wieder hilft mir die Säule mit Wegweisern. Nach einem Kilometer erreiche ich, was ich gesucht habe: rechts ist der Viadukt und links als Zugabe ein Friedhof. Zuerst habe ich den Viadukt vom Friedhof über die Gräber fotografiert, aber dann scheint mir eine andere Perspektive besser geeignet, von der die Größe des Baus besser hervorgehoben wird. Wenn man bedenkt, dass diese über 400 Meter und in einem Bogen verlaufende Brücke über ein Tal gebaut wurde, honoriert man die damalige Leistung.
      Es bleibt mir noch eine knappe Stunde Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges um 14:33, also fahre ich langsam in die Innenstadt zurück mit der Absicht, ein bisschen Eis und/oder einen Espresso im Kaffee „Moulin“ zu genießen. Unterwegs entdecke ich zufällig eine alte, jedoch vollständig gut erhaltene Dampflokomotive, die irgendwelche Liebhaber in dieser Stadt der Eisenbahner nicht verrotten lassen konnten. Auch diese Schönheit darf ich nicht unbemerkt und unfototgrafiert zurück lassen.

Lokomotive

      Vor dem Kaffee Moulin stehen am Rande eines kleinen Flusses einladende Tische im Schatten irgendwelcher Bäume und ich will hier die verbleibende Zeit ruhig abwarten. Ich habe jedoch nicht damit gerechnet, dass anstatt ein bisschen Eis, das ich mir erlauben wollte, auf meine Bestellung ein wahrer Berg, bedeckt mit Schlagsahne, an meinem Tisch landen wird. Ganz langsam und genüsslich nehme ich mir kleine Häppchen von dem wirklich leckeren Eisteller und genieße es zusammen mit der Ruhe, die mich umgibt und bedauere es gar nicht, dass mir keine Zeit mehr für einen Espresso mehr bleibt.
      Die Zuggeschichte verlief problemlos und ich habe die Zuversicht gewonnen, dass ich auch die nächsten Zugfahrten bewältigen werde. Detmold haben wir in 30 Minuten erreicht und noch nach wenigen Minuten war ich zu Hause, sodass ich noch duschen konnte, bevor der Nachmittagskaffee von gutgelaunter Gemahlin serviert wurde. Ein durchaus gelungener, wenn auch nicht müheloser Ausflug ging zu Ende.


Lokomotive_klein

Über Augustinum