Geschenkte Zeit, jeder Tag.

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

      Was ich noch erleben möchte? Früher, vor zehn oder fünfzig Jahren, hätte ich gar kein Ende gewusst mit Aufzählungen. Einen Sonnenaufgang über dem Eismeer. In Manila die Orte aufsuchen, an denen meine Mutter geboren und aufgewachsen ist. Noch einmal in Wien in der alten Nationalbibliothek im Barocklesesaal mit den grünen Lampenschirmen sitzen und Stunden und Wochen lesen und schreiben. Mit allen Freunden ein gigantisches Fest feiern, am liebsten in Rom, und tagelang. Heute möchte ich erleben, dass mir morgens nichts weh tut. Dass meine Familie glücklich ist. Dass bei der Post nicht schon wieder die Todesanzeige eines unserer Freunde liegt. Das Eismeer ist weit und fern, und ich sitze hier in meiner im­mer eingeschränkteren Welt und zähle die Jahre. Wie viele bleiben mir noch? Lohnt es sich, an das glitzernde blaugrüne Wasser und die blendenden Berge aus Schnee zu denken? Sollte ich nicht lieber einen Plan machen, einen Zeit­plan, wie eine meiner Freundin­nen: das und das, sagte sie, müsse noch erledigt werden. Testament, Keller aufräumen, Briefe verbren­nen. Und Griechisch lernen und diese Reise und Russisch lernen und jene Reise. "Das will ich noch erleben. Dann bin ich acht­zig und dann sehen wir weiter." Doch als sie siebzig wurde - ach, jeder, der alt wird, kennt den Au­genblick, in dem er sich eingeste­hen muss, dass er das Alter spürt.
      Und wenn es nur diese seltsame Gleichgültigkeit demgegenüber ist, was mich früher erregt und beschäftigt hätte. Kein Interesse mehr an Plänen fürs nächste Jahrzehnt. Entscheidungen nach der Tagesform. Das Ruhebedürfnis. Der langsame Gang. Die vielen Erinnerungen. Ich bin unter alten Menschen aufgewachsen, nicht in der Großstadt sondern an Orten, an denen jeder seine Nachbarn kannte und mit ihnen Tee trank oder ein Picknick veranstaltete oder Bridge spielte oder in den Dämmerschoppen ging oder Rätselhefte austauschte. Man ging zu Fuß und früh ins Bett. Wenn jemand krank wurde, brachte man ihm Fleischbrühe, und wenn er sich der Genesung näherte, ein selbstgebackenes Biskuit. Eine Welt so eng und so weit, wie die Kräfte reichten, und da alle miteinander alt waren, brauchte keiner darüber zu sprechen oder gar zu jammern. Was wollten sie noch erleben? Besuch der Enkelkinder. Einen gemütlichen Kränzchennachmittag. Eine Wanderung durch den Frühlingswald. Noch war kein Krieg, der alles veränderte und nur noch hoffen ließ, die Söhne und Enkel möchten ihn lebendig überstehen. Was war dagegen das Alter? Die mancherlei Gebrechen und Beschwernisse, die es mitbrachte? Und bei mir, dem Kind von damals, wiederholen sie sich: Ich komme nicht mehr an die oberen Regale im Küchenschrank. Ich greife vor jeder Treppe nach dem Geländer. Ich schreibe einen Termin falsch in den Kalender und habe die Namen meiner Klassenkameradinnen vergessen. Das ist so. Das war damals so.
      Soll ich mich beklagen? Und was will ich, so reduziert, noch erleben? Vor zehn Jahren war das die Frage nach den Lebensinhalten. Heute ist es die nach der Lebenskraft. Was kann ich noch erleben? Was kann ich mir noch zumuten? Und wenn es nichts mehr von dem ist, was mich früher in die Weite führte und lockte, so bleibt mir das Leben selbst. Mein Leben, in dem ich er­leben möchte, was mir die letzte Strecke des Weges zu bieten hat. Immer wieder das Entzücken über die Vielfalt und die Schönheit der Welt. Dankbarkeit darüber, dass ich die Ernte meines Lebens in Frieden einfahren konnte. Vielleicht den guten Tod - nicht allein in der Vergessenheit einer menschenleeren Wohnung. Nicht allein unter Unbekannten. Nicht allein unter den Geräten der modernen Medizin. Ich bin vor ein paar Jahren fast gestorben, nach der sechsten oder siebten Operation. Ich lag auf der Intensivstation und sah den Tod des anderen Patienten neben mir. Und ich sah, in diesem Zustand zwischen Schlaf und Ohnmacht, das, was vielleicht meine Seele war, über der Grenzlinie schweben, über einen steilen Grat. Ein Lufthauch trieb sie zur einen und zur anderen Seite, und ich schaute ihr zu und dachte: "Das also ist es." Wahrscheinlich war ich zu schwach, um Angst zu empfinden. Ich war nur so schwerelos wie meine Seele und ich war ergeben in das, was geschah. Später, als ich wieder in meinem eigenen Spitalsbett lag, sah ich in Erschöpfungs- und Wachträumen einen Park in vollem Sommerlicht. Bäume, die ihren Schatten auf weiße Gartenmöbel um einen Teetisch warfen, Blumenrabatten, sanfter Rasen, Stille und Wärme. Da möchte ich sein, dachte ich, an diesem Tisch möchte ich sitzen und die laue Luft am ganzen Leibe spüren. Als ich das Spital verlassen konnte, war es Herbst, und der Regen klebte das Laub auf den Boden. Ich war in einem Kurhotel, und es gab einen Park, aber die weißer Möbel standen zusammengeräumt im leeren Musikpavillon. Ich musste wieder laufen lernen. Am ersten Tag erreichte ich nur die Treppe zum Pavillon, setzte mich auf die unterste Stufe und hoffte, wieder aufstehen zu können. Damals wollte ich nur erleben, dass ich den Botanischen Garten am Ende des Parks erreichte. Die Orangenbäumchen und Kamelien, die Hibisken und der Oleander waren längst in ihr Winterquartier gerollt worden, aber es gab noch einen Rosenstock, der blühte und blühte, und ich dachte: "jetzt werde ich wohl den nächsten Sommer noch erleben, werde meine Rosen auf dem Balkon aufblühen sehen, werde ihren Duft empfinden, der aufwacht, wenn sie die Sonne berührt."
      Wie viele Sommer sind seitdem vergangen? Was habe ich erlebt, geplant, geschrieben? Geschenkte Zeit, jeder Tag. Wenn jemand anruft und fragt, ob ich im Herbst einen Vortrag halten würde, sage ich, wenn ich den Auftrag akzeptiere: "ja gern, wenn ich dann noch lebe und gesund bin." Ich höre dann das Stocken, höre den Gedanken: Hat sie das ernst gemeint? Höre das unsichere Gelächter und denke: das ist der Unterschied zwischen Jugend und Alter. Nicht die weißen Haare und die Falten, sondern das Wissen, das mich nun Tag und Nacht begleitet: der Weg ist nicht mehr lang. Wie es auf den alten Sonnenuhren steht: "Der Tod ist gewiss. Die Stunde ist ungewiss. Es kann jede sein." Noch möchte ich erleben, dass sie mir nicht schon morgen schlägt, aber ich habe erlebt, dass man mit dem Tod einverstanden sein kann. Dass man mit dem ganzen Leibe empfindet: Ich habe gelebt. Nun ist es genug. Nein. Ich bin nie in Manila gewesen. Ich könnte natürlich in ein Flugzeug steigen, aber ich glaube nicht, dass ich das noch erleben möchte.

Sybil Gräfin Schönfeldt: 1927 in Bochum geboren, aufgewachsen in Nassau a. d. L., Göttingen und Berlin. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Göttingen, Heidelberg, Hamburg und Wien, Promotion in Wien. foumalistin, Übersetzerin, Autorin. Lebt in Hamburg. Seit 1954 freie Mitarbeiterin bei der ZEIT, beim Stern und anderen Zeitschriften sowie beim Rundfunk und Fernsehen. Zahlreiche Buchveröffentlichungen: u. a. "Die Jahre, die uns bleiben" (Piper 1997), Sachbücher, Kinder­bücher, literarische Kochbücher. Viele Auszeichnungen und Preise besonders für ihre Kinder- und jugendbücher.
(aus: Augustinum Forum, 2003,2)

Der Tod ist gewiss.

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.
(Andreas Gryphius 1616 - 1664)


"Altwerden ist noch immer die einzige Möglichkeit,
lange zu leben..."
(Hugo von Hofmannsthal)
Der Tod ist leicht,
doch Sterben ist kein Spaß;
der Tod ist klar,
doch Sterben ist ein Schritt ins Dunkel;
der Tod ist frisch,
doch Sterben ist Kampf bis aufs Messer.
Der Tod ist ein Moment,
doch Sterben ist das ganze Leben,
(Joan Aiken in "Die Party-Köchin")

Bilder von Walter Habdank     

Man altert langsam: Zuerst altert die Lust am Leben und an den Menschen, weißt du, allmählich wird alles so wirklich, du verstehst die Bedeutung von allem, alles wiederholt sich auf beängstigend langweilige Art. Auch das hat mit dem Alter zu tun. Man weiß, ein Glas ist einfach ein Glas. Und ein Mensch, der Arme, ist auch nur ein sterblicher Mensch, was immer er tut. Dann altert der Körper; nicht auf einmal, nein, zuerst altern die Augen oder die Beine oder das Herz. Man altert in Raten.
Und mit einemmal beginnt die Seele zu altern, denn der Körper mag alt geworden sein, die Seele aber hat noch ihre Sehnsüchte, ihre Erinnerungen, noch sucht sie, noch freut sie sich, noch sehnt sie sich nach Freude. Und wenn die Sehnsucht nach Freude vergeht, bleiben nur noch die Erinnerungen oder die Eitelkeit; und dann ist man wirklich alt, endgültig.
Eines Tages erwacht man und reibt sich die Augen: Man weiß nicht, wozu man erwacht ist. Man kennt zu gut, was der Tag anzeigt: den Frühling oder den Winter, die Äußerlichkeit des Lebens, das Wetter, die Einteilung des Alltags. Es kann nichts Überraschendes mehr geschehen: Nicht einmal das Unerwartete, Ungewohnte, Schreckliche überrascht einen, weil man alle Wechselfälle kennt, mit allem rechnet, nichts mehr will, weder Gutes noch Schlechtes. Das ist das Alter.
Im Herzen lebt noch etwas, eine Erinnerung, irgendwie ein Lebensziel, man möchte jemanden noch einmal wiedersehen, man möchte noch etwas sagen oder erfahren, und man weiß genau, daß der Augenblick dafür kommen wird, aber dann ist es plötzlich nicht mehr so wichtig, die Wahrheit zu erfahren und ihr zu antworten, wie man das in den Jahrzehnten des Wartens angenommen hatte. Allmählich versteht man die Welt, und dann stirbt man. Man versteht die Phänomene und die Beweggründe der Menschen. Die Zeichensprache des Unbewußten.

Aus Sádor Márai: Die Glut

Es ist mal gesagt worden ...

„Biologisch gesehen ist der Alterungsprozeß das vorhersagbare, fortschreitende, allgemeine Nachlassen gewisser physiologischer Systeme, mental und physisch, verhaltensmäßig und bio-medizinisch ...
... Gleichzeitig gibt es eindeutige Beweise, auch wenn sie weniger greifbar und schwerer meßbar sind, daß parallel dazu [im Alter] gewisse psychosoziale Fähigkeiten wie planendes Denken, Klugheit, Umsicht und Weisheit zunehmen."
Robert Butler, Professor für Geriatrie an der New Yorker Mount Sinai School of Medicine


"Die Lebenszufriedenheit im Alter scheint weniger davon abzuhängen, ob jemand ein schon lange angestrebtes Ziel erreichte, als vielmehr davon, wieviel Zeit die Leute auf Dinge verwenden können, die ihnen am wichtigsten sind, in denen sie am kompetentesten sind und die ihnen am meisten Spaß machen."
Betty Friedan in "Mythos Alter"


"Und das ist vielleicht das härteste am Altwerden: das Gefühl, dass man nicht mehr umkehren kann, dass etwas Endgültiges geschieht. Eine Krankheit lässt die Möglichkeit offen, dass sie heilbar oder zumindest aufzuhalten ist. Führt ein Unfall zu einem Gebrechen, so trifft danach gewöhnlich nicht noch eine Verschlimmerung ein. Die altersbedingten, physischen Involutionen sind irreparabel, und wir wissen, dass sie von Jahr zu Jahr zunehmen."
Léautaud, in: Simone de Beauvoir: "Das Alter"


"... wir haben die Vergangenheit vor uns, sie ist das einzig Wirkliche, aus der Vergangenheit können wir Wissen und Erfahrung fürs Leben ziehen; die Gegenwart ist eine Täuschung, denn in weniger als einem Augenblick gehört sie schon zu Vergangenheit, und die Zukunft ist ein schwarzes Loch, das man nicht sehen kann, und vielleicht ist sie gar nicht vorhanden, denn wir können in diesem Augenblick sterben."
Isabel Allende in „Der unendliche Plan"


"All diese Jahre war er bei mir gewesen, und ich hatte mich so sehr auf ihn verlassen, dass ich kaum Worte gefunden hatte, um ihm zu sagen, wieviel er mir bedeutete. Ich hatte nie gedacht, dass ich die Worte brauchen würde. Ich hatte es immer als selbsverständlich angesehen, dass er es wußte. Und jetzt würde ich es ihm nie sagen können."
Anna McGrail in "Fräulein Einsteins Universum".


"Das Alter hat keine Bedeutung. Alter schützt vor Liebe nicht, aber Liebe vor dem Alter."
Coco Gabrielle Chanel (starb 87 Jahre alt).


"Wie jugendfrisch ist doch, wer seine Lebenszeit damit verbracht hat, seinem Herzen zu folgen...
Sitze nicht in der Halle des Grübelns, indem du das Morgen vorhersehen willst, ehe es kommt...
Dürste nicht neben dem Bier! Im Jenseits herrscht Mangel."
Anschrift in einer Pyramide


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