Bergwanderung auf La Gomera, 4. - 12.2.1999

Nach einigem Stöbern und Suchen im Internet stolpern wir (Ludmila und Jan) über einen Katalog des Reiseveranstalters "Sausewind" und beschließen, am zweiwöchigen Programm "Trekking und Baden auf La Gomera - der wildesten Insel der Kanaren" teilzunehmen. Versprochen wird laut Katalogseite Trekking für trittsichere Wanderer mit durchschnittlicher bis guter Kondition. Wir beide sind nicht mehr die jüngsten (67 und 65), dafür aber erfahrungsgemäß trittsicher, und die Kondition werden wir erst nach der Wanderung beurteilen können. Zuerst sind wir zuversichtlich, erwarten ein bißchen Abenteuer. Das Baden steht nicht im Vordergrund, auf die Sonne wollen wir jedoch nicht verzichten.


1. Tag: Sonnabend

Der Wecker läutet um 3 Uhr nachts und sicherheitshalber ein zweiter fünf Minuten später, also raus aus den Federn. Das Transferauto, das uns zum Flughafen Hannover bringen wird, soll um 3.45 vor dem Hause stehen und wir wollen noch frühstücken. Die Koffer haben wir bereits gestern gepackt, also müssen wir genug Zeit haben und so trinken wir ruhig unseren Kaffee. Um 3.30 klingelt es, das Auto mit noch zwei anderen Passagieren ist schon da, so daß wir in aller Eile unsere Tassen noch abspülen, dann raus in die Dunkelheit und es geht los. Unterwegs zum Flughafen überlegen wir, was wir möglicherweise vergessen haben, es fällt uns jedoch nichts ein. Das beruhigt uns.
Am Flughafen die üblichen 90 Minuten Langweile, dann starten wir. Obwohl wir ziemlich früh eingecheckt haben, sitzen wir trotzdem weit auseinander. getrennt durch den Gang und die zwei Zeitungsblätter von Gestern. Vier Stunden und eine halbe dazu trägt uns der Hightech-Vogel nach Süden bis wir den herrlichen schneebedeckten Gipfel vom Pico del Tejde, dem Fudji der Teneriffa, erblicken. Der wird uns noch einige Zeit auf unserer Wanderung von Ferne begleiten.
Am Flughafen erwartet uns Thorsten, unser Betreuer und Bergführer, und bringt uns mit noch einem wie wir mit Taxi zum Hafen, wo der Großteil unserer zehnköpfigen Wandergruppe bereits wartet. Auch uns steht noch anderthalb Stunden Wartezeit zur Verfügung, die nutzen wir um die anderen vorsichtig abzuschnuppern. Sie sind alle viel jünger und wir überlegen, wie sich bei uns der Vorsprung einer Generation beim Wandern steil bergauf manifestieren wird. Thorsten gibt die ersten Erklärungen zu dem, was uns erwartet, zeigt eine Karte der Insel Gomera und beschreibt kurz die Tagesstrecken. Immer noch sind wir nicht entmutigt, wenn auch ersichtlich ist, daß der zweite Tag von uns etwas abverlangen wird. Und er hat es getan.
Endlich verstauen wir unsere Koffer im Schiffskontainer und gehen aufs Bord. Die Fähre ist ein dreistöckiges Gebäude aus Stahl, schluckt mühelos hundert Personen und etliche Kraftfahrzeuge. Eine und halbe Stunde sind wir zum Hafen von San Sebastian unterwegs bis wir wieder festen Boden (keinen Stahl mehr) unter den Füßen haben. Nochmals wird ein technisches Mittel in Form vom Kleinbus eingeschaltet und wir erreichen das Haus unserer diesnächtlichen Träume. Neugierig lassen wir die Koffer fallen und gehen die La Gomera entdecken, erwartungsgemäß und absichtsgetreu zu Fuß.
San Sebastian ist die Hauptstadt der Insel und besteht aus nur zwei Gassen, einem kleinen Platz und Umgebung. Es ist jedoch alles sehr interessant und für uns selbstverständlich neu. Zu dieser früher Stunde (ca. 16 Uhr) herrscht Siesta und es ist nichts los. Da morgen Sonntag ist, müssen wir etwas zum Essen für unterwegs bereits heute besorgen und halten deswegen Aussicht nach einem geöffneten Supermercado und verlieren langsam die Hoffnung daß es gelingt, weil alle Geschäfte geschlossen bleiben. Endlich kommen wir zu einem kleinen Laden wo Leben herrscht und kaufen uns Schinken, Käse, Tomaten und vier Stück Brot, von denen wir die Hälfte morgen nicht benötigen werden, aber das werden wir auch erst morgen erfahren. Wir kaufen uns auch ein paar Mandarinen und lernen die hiesige hervorragende Qualität der Obst zu schätzen. Wir essen sie gleich auf einer Bank vor einer kleinen Kirche sitzend und beobachten, wie die wenigen Besucher die Kirchenschwelle überwinden. Sie ist nicht mehr als 20 cm hoch, die Leute sehen sich jedoch verpflichtet, ihre Füße mindestens doppelt so hoch zu heben und das ist besonders bei einigen beleibten Damen ziemlich unterhaltsam. Nach einer Weile steigt ein alter Mann, ein Insulaner, aus der Kirche aus. Aus seinem Mund ragt eine nicht brennende Pfeife heraus und begleitet seinen Stoppelbart. Bewundernswert, wie tapfer der Gürtel seine Hose so tief halten kann. Er lächelt vor sich hin, holt sich ein Stück Holz von der vor der Kirche stehenden Palme, um seine Pfeife luftdurchgängig zu machen, dann entdeckt er uns beide. Wir versuchen es nicht gemerkt zu haben, er kommt trotzdem zu uns. Die Spannung wächst. Dann zeigt sich in seinem Gesicht ein freundliches Lächeln, begleitet durch den Rest seiner Zähne, er greift in die Hosentasche und seine breite Hand bietet uns zwei Bonbons. Wir danken ihm sehr herzlich, zu einem Gespräch kann es jedoch nicht kommen. S ein Dialekt, in Verbindung mit den wenigen verbliebenen Zähnen, kodiert sein Spanisch für uns unverständlich. Es war wirklich sehr nett von ihm.
Am ersten gemeinsamen Abendessen machen wir uns mit dem gomeranischen Fisch und Wein und mit unseren Mitwanderern näher bekannt. Voller Hoffnung auf einen schönen Urlaub legen wir uns in einem uns zugeteiltem Miniaturzimmer zum Schlaf. Diese Nacht müssen wir ein bißchen frieren, weil die Decken dünn sind und davon, daß im Zimmerschrank noch weitere liegen, wissen wir am ersten Tage noch nichts. So wie mit Brot, auch mit den Decken, wir sammeln erst die neuen Erfahrungen.


2. Tag: Sonntag

Wir wachen auf nach einem tiefen Schlaf. Ludmila hat sich mit Handtuch zugedeckt und warme Socken angezogen. Wir erzählen uns über die lauten Mofas, die in den engen Gassen der Altstadt einen teuflischen Lärm gemacht haben, den Schlaf jedoch nur kurz unterbrechen konnten. Das Duschen bleibt uns erspart, es fließt so gut wie kein Wasser im Bad. Doch nicht der Dusche wegen machen wir Urlaub auf Gomera, wir hoffen auf Besseres. Und das fängt heute mit einem Frühstück in der Bar im Erdgeschoß unserer Unterkunft an. Café con leche und ein bocadillo werden es regelmäßig in dieser Woche sein, bald entdecken wir auch die Qualität eines zumo dazu. Muy bueno.
Wir packen unsere Rucksäcke für die kommenden zwei Tage und starten zu unserer heutigen Tour. Eigentlich startet der Kleinbus, der uns über die ersten 900 m NN hochhievt. Uns begegnen die ersten von einigen zigtausend verlassenen Terassenfeldern mit unglaublich vielen Steinmauern und weiteren Steinmauern und noch weiteren Steinmauern. Ab und zu begegnen uns dazu die Reste von aufgegebenen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, die nicht mehr benutzt werden. Es ist wohl viel leichter von den Touristen die ganz sicheren DM zu ernten als auf die kargen und fraglichen Erträge der mickrigen Felder hoch zwischen der steilen Schluchten zu zählen.
Palmen Wir gehen eine Stunde, dann erreichen wir ein Hochplateau. Zu linker Hand geht die Teneriffa-Fudji mit uns. Sie strahlt mit ihrem weißen Kopf in der Sonne, bis zur Teile mit Wolken bekleidet, es ist ein phantastisches Bild. Um uns herum wächst überall Wolchsmilch, die Pflanzen mindestens fünfmal so hoch und breit wie die in unserem Garten. Der Weg ist leicht, die Devise des ersten Tages lautet: bergab. Und so ist es auch, jedoch nur im Prinzip. Es gibt kein 'nur bergab' in einer Landschaft, die einmal durch eine Vulkantätigkeit entstand. Steil und wild ist das Terrain, rauf und runter und wieder runter und rauf geht es hier. Waagerecht sind nur die winzigen, mit Steinmauern umgebenen Flächen, die durch eine menschliche Hand geschaffen wurden, jedoch die Natur ließ sich mehr einfallen.
Und waagerecht ist auch der Atlantik, den wir erst am späten Nachmittag erreicht haben. Er ist wieder friedlich in der Nachbarschaft vom schwarzen Sand und Kies am Ufer, nachdem er sich vor Kurzem im ungewöhnlichen Sturm richtig ausgetobt hat. Wir haben unterwegs eine Bananenplantage gesehen, die einen Großteil des Tals einnahm und in der die gute Hälfte aller Pflanzen am Boden lag, durch den letzten wütenden Orkan umgeworfen. Es ist bereits einige Wochen her, aber Niemand scheint etwas unternommen zu haben, um den Zustand der Anlage wieder herzurichten. Lethargie, oder die Schadenversicherung, oder sogar die EU-Subventionen, welche ist die wahre Erklärung? Noch sind die meisten Bananen nicht reif, werden die es einmal überhaupt?
Unsere heutige Unterkunft in San Sebastian ist ein kleines Pension, um einen halben Stern besser als gestern. Der erste Wandertag fördert seinen Tribut in Form eines zweistündigen Schlafs, den zahlen wir gleich. Wir sind zwar nicht kaputt, eine Erholung können wir jedoch gut verkraften, um für das gemeinsame Abendessen fit zu sein. Und den Fisch auf der Terrasse eines Restaurants genießen wir auch, nachdem wir uns noch aus der Nähe die Verwüstung des Orkans im Hafen angeschaut und gesehen haben, daß nicht einmal eine Betonwand stark genug war, um dem Winde den nötigen Widerstand anzubieten.


3. Tag: Montag

Diese Nacht war es, Dank den drei Decken, nicht kalt und auch die Dusche ist hier OK. Wir packen die Reservewäsche aus unseren Rucksäcken aus und gehen ohne Verzug zum Frühstück, weil wir heute bereits um halb neun Uhr starten werden. Die heutige Strecke zählt zu den schwierigsten, die uns erwarten, wir gehen vom Meeresstrand bis auf ca. 1250 m NN hoch. Das Mittagessen in Form eines bocadillo lassen wir uns im Restaurant vorbereiten und dazu auch unsere zwei Trinkflaschen mit Tee füllen. Beides werden wir gut gebrauchen.
Die Tour fängt wieder mit einer kurzen Taxifahrt an, diesmal nur auf 200 m NN, tief in den Einschnitt eines barranco. Weiter steigen wir mit eigener Kraft am Rande einer wildromantischen Schlucht, immer höher, immer höher. Die Flora hat sich im Vergleich mit dem gestrigen Tag grundsätzlich geändert: uns begleiten blühende Mandelbäume, grüne Büsche und hohe Palmen. Von diesen soll es auf der Insel mindestens hunderttausend geben, die gedeihen hier sehr gut. Gepflegt werden sie, nicht jedoch der Früchte wegen, die für die Menschen nicht eßbar sind, sondern wegen ihres Saftes, aus dem süßer Palmenhonig zubereitet wird und zu den Spezialitäten der Gomera gehört. Der grüne Bewuchs ist in diesem Tal besonders üppig, davon freuen sich sicherlich auch die vielen Ziegen, die uns unterwegs beim Vorbeigehen laut begrüßen. Sie sind offensichtlich mit ihrer Welt sehr zufrieden und besitzen ein herrliches, sauberes Fell. Wir staunen darüber, wie sie die stacheligen Kakteen mit Genuß abbeißen, ohne die Miene zu verziehen. Auch an Wasser fehlt es hier nicht, durch die Schlucht fließt ein Bach, gespeist von dem Walde, der sich hoch am Horizont vermuten läßt.
Nach gut zwei Stunden erreichen wir eine kleine Siedlung (850 m NN) mit winzigem Tante-Emma-Laden, wo wir uns Erfrischung und Mineralwasser kaufen können - wenn es da Wasser gäbe! Wir können nur ein Flasche, die letzte, kaufen, die wandert dann herum, um elf Personen den Durst stillen zu helfen. Es wird uns verraten, daß jetzt eine steile Partie vor uns liegt, weitere 400 n Höhenunterschied. Das macht nachdenklich, aber es besteht eine Alternative in der Möglichkeit, mit Taxi für 3000 PTS diese Strecke umzufahren und so den Fußweg etwas zu verkürzen. Zwei Teilnehmer entscheiden sich dafür, der Rest der Truppe wagt es, die Steigung zu bewältigen. Nun ja, es war zuerst kaum zu glauben, daß da ein Pfad vorhanden ist, auf dem ein Menschenwesen weiter gehen könnte, und nach weiteren knapp zwei Stunden oben, haben wir daran immer noch ein bißchen gezweifelt. Manche sg. Wege sind wirklich verdammt schwer und auf Gomera, wie wir noch erfahren werden, nicht wenige davon. Obwohl müde, jedoch glücklich und ein bißchen stolz treffen wir uns mit den anderen Zweien, ruhen uns eine Weile aus und schlagen Richtung zum Garajonay ein.
So heißt der weltweit einmalige und berühmte Nationalpark, der die Mitte der Insel bedeckt und in sich einen Lorbeerurwald verbirgt und so heißt auch der höchste Berg Gomeras. Hinter uns bleibt ein wunderbarer Blick aufs Meer, in dem sich die Sonne spiegelt, und auch die schlanken Palmen. An ihre Stelle treten jetzt die Kanarischen Kiefer und die bis 5 m hohen Büsche der Baumheide. Für den mörderischen Aufstieg werden wir nun mit einem bequemen, schattigen Waldweg belohnt, der sich weich unter unseren Füßen fühlt und uns schnell den Schweiß vergessen läßt. Er führte uns bis zum Gipfel der Insel, nun den sparen wir uns für morgen. Heute endet der Weg in Chipude, einer in leichten Wolken gehüllten Siedlung am Rande des Nationalparks. Dort wird uns ein neues Haus aufnehmen und dort warten auch unsere Koffer, die wir vorgestern zuletzt gesehen haben.


4. Tag: Dienstag

Gott sei dank, daß es wieder drei Decken zum Schlafen gab, kaum zu glauben, daß wir auf dem gleichem Breitengrade, wie die heiße Sahara, verweilen. Erst beim Aufstieg zum Gipfel vom Garajonay wird es uns richtig warm. Der Weg - Teil davon kennen wir bereits seit gestern - ist nicht steil, wir gehen jedoch flott. Uns erwartet heute buchstäblich der Höhepunkt unserer Wanderung, der mit 1486 m NN höchste Punkt der Insel.
Garajonay Eine Stunde dauert es, bis wir dahin kommen, und hat sich gelohnt! Nicht nur, weil wir bald nach Ausbruch in den Urwald eingetaucht sind und wieder unter den bizarren Urbäumen gehen konnten. Viel mehr hat uns der Gipfel selbst beeindruckt. Wir stehen zwar Mitte im Wolkenmeer, es hat jedoch Lücken. Ab und zu öffnen sich die grauen Kulissen und dann - ein phantastischer Blick auf die Welt unter uns. In mehreren Richtungen sehen wir den himmlisch blauen Ozean, wir sind fast im Mittelpunkt der kleinen Insel. Und ein anderes Meer umringt uns auch - ein grünes, ausgestattet mit allen erdenklichen Farbtönen. In unserer Nähe eher dunkel mit bräunlichem Stich, weiter weg immer heller und mit dunkelgrau vermischt. Im Osten grüßt uns wieder unser alte Bekannte, der Tejde auf Teneriffa. Und plötzlich wieder nichts als dichte Wolken.
Kein Wunder, daß wir bald wieder frieren. Wir ziehen alles, was wir im Rucksack haben, schnell an. Der heiße Tee, den wir morgen getankt haben, wärmt längst nicht mehr und wir kauen fleißig an unseren bocadillos in der Hoffnung, daß es dem starken Winde die richtige Antwort gibt, nur werden dabei auch unsere Finger steif. Plötzlich öffnen sich die Wolken wieder und wir vergessen erneut die Kälte, für ein paar Minuten mindestens.
El Cedro Dann heißt es bergab, durch den Urwald Laurisilva in Richtung Norden. Je weiter wir kommen, desto größer und mächtiger werden die Bäume um uns. Uralte Veteranen, schon tot oder erst halbtot, lassen den Nachwuchs an ihren Wurzeln entstehen und spenden so das neue Leben. Jetzt ist die Baumheide doppelt so groß wie gestern und die Lorbeeren zu vierstöckigen Riesen geworden. Majestätisch recken sie die knorrigen Äste, mit Moos und Flechten bedeckt, und regieren sie dem Walde. Unser Pfad ist eng, das Licht kommt durch die dicken Baumkronen nur schwach und verleiht der Umgebung eine märchenhafte Stimmung. Wie alt können die Pflanzen sein - hundert, fünfhundert Jahre? Sie schweigen und lassen eine gespenstische Stille entstehen. Doch jetzt - leise hören wir Wasser rauschen und kurz danach begegnet uns ein Bach, um bald wieder zu verschwinden. Wir folgen jedoch seiner hörbaren Spur und finden ihn wieder. Dieses Spiel wiederholt sich einigemal. Wir hüpfen die steilen Stufen runter und lassen uns durch den Bach begleiten. Schon längst haben wir die Kälte oben beim Gipfel vergessen. Die fabelhafte Umgebung hat uns bezaubert und obwohl die Wolken noch immer um uns tanzen, fühlen wir uns wieder wohl. Was für eine Tour heute!
Wir erreichen den Waldrand und sehen unter uns das Dorf El Cedro. Alles nennt man hier Cedro: den Bach, den Baum, den Wald, das Dorf. Und dort steht das Haus, in dem wir die heutige Tour beenden. Ein einfaches Haus, ein refugio, nicht bewirtschaftet. Aber stört uns es wirklich, daß die Dusche nur zwei Temperaturen liefert - heiß oder eisig ? Unsere Erinnerungen vom Tage und das ergiebige Abendmahl mit einer guten landestypischen Suppe in Holztellern und schmackhaftes Ziegenfleisch danach erscheinen uns wichtiger.


5. Tag: Mittwoch

Heute halten wir uns wieder dicht am Cedro-Bach, dem einzigen Wasserfluß der Insel, der das ganze Jahr auch Wasser führt. So wie der Bach in Kaskaden nach unten stürzt, so schnell und steil verläuft unser Pfad am Rande einer tiefen Schlucht. Eigentlich ist es mehr ein Treppenwerk als ein gangbarer Pfad und unsere Knien singen uns ein Lied davon. Jedoch die Schönheit der Umgebung überdeckt die unangenehmen Gefühle und das, was die Augen liefern, läßt jenes von den Beinen vergessen. Immer üppiger wird die Vegetation über, unter und neben uns, dank der lebenspendenden Kraft des Wassers. Neben dem Bach verlaufen auch metallische Wasserleitungen, die die kostbare Nässe zum Tal hinab befördern, wo eine Menge durstiger Bananenplantagen darauf wartet. Wir tauchen immer tiefer in das enge Tal, bis die Serpentinen bei einem Stausee vorläufig enden. Ein Blick zurück konfrontiert uns mit einem schmalen Wasserfall; kein Riese, aber die geschätzten 30 Meter wird er schon aufweisen. Wie eine silberne Kette stürzt sich der Bach von einer Felskannte herab und verschwindet spurlos im grünen Teppich der Farne und Lorbeerenbüsche.
Dem Bach entlang setzen wir unseren Abstieg noch weiter, insgesamt müssen wir etwa 900 m herabhüpfen. Jetzt macht sich bereits unsere neugewonnene Kondition bemerkbar, wir finden den Weg gar nicht so schwierig. Langsam erblicken wir inmitten der subtropischen Pflanzen auch die mickrigen Felder der Insulaner wieder und stellen fest, daß der Prozentsatz der bewirtschafteten Flächen auffällig gestiegen ist. Auch das ist wiederum eine Folge der möglichen Bewässerung, die anderswo fehlt. Wenn auch bereits um diese Zeit, am Anfang Februar, einiges Gemüse wie Kohl und Kürbis geerntet werden kann und Kartoffelkraut kniehoch ist, ob die Landleute, ohne die Touristen, davon leben können? Sicher nicht nach unserer verwöhnten Art.
Das Tal wird allmählich breiter, der Weg etwas bequemer. Mannshoher Schilf am Bach verdeckt uns die Sicht und bringt den Nachweis darüber, wie fruchtbar der vulkanische Boden hier ist. Vorne sehen wir die ersten Häuser der Hermigua, jedoch bevor wir das Ziel unserer heutigen Etappe erreicht haben, müssen wir eine einstündige Bekanntschaft mit der asphaltierten Straße machen. Am Ende warten auf uns wieder unsere Koffer und eine Unterkunft für zwei Nächte, weil wir morgen einen Ruhetag einlegen werden.


6. Tag: Donnerstag

Von unserem Appartement in San Castelana sind wir in zehn Minuten am Strand. Damit haben wir die ganze Insel von ihrer Südseite bis zum Nordufer überquert und dabei auf dem höchsten Berge dieser kleinen Welt gestanden. Wir glauben schon, daß wir uns dadurch einen Tag fürs Ausruhen verdient haben.
Einige von unserer kleinen Gruppe haben beschlossen, über eine kleine Bergkette zu einer anderen Badebucht zu gehen, die etwa eine Stunde entfernt ist, wir jedoch wollen es heute bequem haben. Zum Baden haben wir keine Lust: einmal ist die Küste kaum dazu sehr einladend, ins Wasser zu steigen, weil sie - mit winziger Ausnahme - nur aus einem groben Kies besteht. Darüber hinaus scheint uns die Temperatur doch nicht hoch genug zu sein und in Verbindung mit starkem Wind von der Meerseite und ziemlich hohem Wellengang demzufolge zum Baden wenig geeignet. Es gibt zwar einige wenige mutige, die ins Wasser gehen, wir jedoch ziehen es vor, in sicherer Entfernung das Wellenspiel zu beobachten. So gehen wir spazieren am Ufer vorbei, dann setzen wir uns auf große, bequeme Steinblöcke und verfolgen schweigsam das Theater genannt Atlantik.


7. Tag: Freitag

Los soll es heute bereits um 8 Uhr gehen und zwar ohne Frühstück, weil es keine Bar gibt, die um diese Zeit in diesem kleinen Ort schon im Betrieb wäre. Wir haben jedoch weise vorgesorgt und leisten uns vorher eine ordentliche Portion Müsli, so brauchen wir die erste Strecke auf Asphalt bis nach Agulo nicht mit leerem Magen zu schaffen. Dort angetroffen trinken wir einen cafe grande und denken daran, daß jenes, was jetzt kommt, von uns einiges verlangen wird. Vor unseren Augen steht eine senkrechte, halbkreisförmige Wand, die offensichtlich das Tal hermetisch schließt. Und ganz oben am Horizont zeigt sich ein winziger Mast der Hochspannungsleitung, zu dem wir - so sagt es unser Bergführer Thorsten - gehen müssen. Für uns erstmals Unmögliches entpuppt sich als ein schmaler Pfad, fast nur für die Bergziegen passierbar, den wir langsam, ganz langsam hochklettern. Der selbstmörderische Weg besteht fast nur aus Stufen, jeder Schritt ist eine Leistung. Wir schnaufen und schwitzen, niemand hat viel zu erzählen, nur weiteres Steigen ist angesagt. Rechts sehen wir eine steile Wand und links blicken wir ins Tal wie aus einem Flugzeug, zum Glück sind wir beide schwindelfrei. So geht es beinahe zwei Stunden lang, bis wir endlich die Höhe von ca. 700 m NN erreichen und den Kessel unter uns haben. Ganz schön fertig hat es uns gemacht, die allen, nicht nur uns, die ältesten von allen. Wir werden durch einen weiten Blick in fast alle Richtungen belohnt und können wieder den Tejde erblicken. In diesen wenigen Tagen hat sich seine Schneebedeckung sichtlich reduziert, es bleibt jedoch immer noch Schnee auf der Nordseite der Bergspitze liegen, ungewöhnlich lange für diese Jahreszeit.
Die Landschaft in unserer Umgebung hat sich schlagartig verändert. Ein dunkelroter, grober Sand bedeckt den Boden, in dem sich nur mühsam einige Pflanzen behaupten können und auch diese nur dank der künstlicher Aufforstung. Jetzt gehen wir bequem auf einem Hochplateau und genießen nach wie vor die herrliche Aussicht. Der kleine Mast ist zum Riesen geworden als wir vorbei gehen. In einem nahen Stausee schwimmen zwei Enten, weit und breit die einzigen Lebewesen, die zu sehen sind, bis wir zu einer Straße kommen, die zum offiziellen Eingang in den Naturpark Garajonay führt. Dort hat die Zivilisation einige Busse und mehrere PKWs gestellt, aber auch einen kleinen, gepflegten botanischen Garten mit vielen für die Gegend typischen Pflanzen geschaffen. Im dazugehörigen Gebäude gibt es eine Ausstellung über Gomera und wir nutzen die Gelegenheit, eine Filmvorführung zum Thema Naturpark Garajonay zu besuchen.
Vale Gran Rey Nach einer Stunde setzen wir unsere Wanderung in Richtung Rosas fort. Aus dem dunkelroten Grobsand ist eine hellgelbe Erde geworden, auch andere Farben bekommen wir ab und zu ins Bild. Immer noch ganz bequem erreichen wir den Bergkamm oberhalb des Vallehermoso, wo wir heute übernachten werden. Die Nachmittagssonne erzeugt ein eigenartiges Licht über dem Tal, das seinen Namen absolut verdient. Es ist eigentlich nicht nur ein Tal, ein ganzes System von vielen barancos gehört dazu und es ist wirklich wunderschön. Erst beeindruckt einen seine Breite, die sich im Halbkreis über ganz Horizont erstreckt. Dazu kommt die vertikale Komponente, ausgestattet mit tausenden Farbtönen von grün. Mal dunkel und dann wieder heller sind die Farben der üppigen Pflanzenwelt, die hier angeboten werden, dazu die durch die Wolken strömenden silbernen Sonnenstrahlen. Es erinnert uns an Grand Canyon, wo es auch keinen Sinn hatte, fotografieren zu versuchen. Bezaubernd setzen wir zum Abstieg ins Tal an und die Welt um uns herum verengt sich langsam. Ob wir ein solches Panorama noch einmal zu sehen bekommen?


8. Tag: Samstag

Also heute zum letzten mal den Rucksack packen und auf geht's zur letzten Etappe unserer Wanderung um und quer durch die Gomera. Wie üblich, fangen wir mit einem Aufstieg an, diesmal jedoch nicht sehr steil, dafür aber länger: zwei Stunden gehen wir ununterbrochen aufwärts bis auf 800 m NN. Der Pfad verläuft häufig als eine Gratwanderung auf einem schmalen Gebirgskamm, was uns ermöglicht, gleich in beide Seiten den schönen Blick ins Tal zu genießen. Wir sehen das morgen verlassene Vallehermoso wieder wie aus einem Flugzeug, aber gestern was es doch schöner, vielleicht der anderen Beleuchtung wegen? Trotzdem freuen wir uns angesichts des herrlichen Panorama - und geben Acht auf unseren Weg, weil der Pfad manchmal ganz, ganz schmal ist. Oben angekommen machen wir eine Pause, um in einer Bar noch einen Kaffee zu trinken, bevor wir eine Stunde auf der harten asphaltierten Straße weiter gehen müssen, um weitere 300 m Höhe zu gewinnen. Dann aber tauchen wir nochmals in den Lorbeer-Urwald und erleben eine wunderschöne, stille Wanderung auf einem schmalen Pfad mitten in Laurosilva. So romantisch haben wir es schon lange nicht gehabt und wir begrüßen diese Wegänderung sehr. Nur trübt sich das Wetter nach und nach und als wir unseren nächsten Rastplatz bei einer Grillanlage erreichen, frieren wir bitterlich. Wir halten vergeblich Ausschau nach ein bißchen Sonne und ziehen wieder alles aus dem Rucksack an, was vorhanden ist. Also setzen wir bald den Weg fort in der Hoffnung, daß uns die Bewegung etwas erwärmt, weil inzwischen sogar die Wolken so tief gekommen sind, daß es leicht nieselt.
Nun haben wir den höchsten Punkt unserer Tagestour bereits hinter uns gelassen, jetzt steigen wir ab, langsam entkommen wir auch den Wolken und sogar die Sonne schafft es, sich uns wieder zu zeigen. Die allgemeine Laune bessert sich, obwohl sie auch vorher nicht zu schlecht war, und bald erreichen wir den Rand einer Schlucht, wo wir wiederum etwas nachdenklich werden. Trotz der Erfahrungen, die wir inzwischen gesammelt haben und trotz der vielen Steigungen, die wir inzwischen bewältigt haben, sieht der weitere Weg sehr respektvoll aus. Weit unter uns, irgendwo am Fuße dieser senkrechten Wand, sollen wir landen, etwa 450 m tiefer. Obwohl wir es noch nicht erblicken können, läßt sich das Ziel unserer Wanderung irgendwo am Ende des Tals vermuten. Also auf - zum letzten Abstieg! Und wieder hüpfen wir vom Stein zu Stein und von Stufe zu Stufe, immer runter, aber wir bleiben auch häufig unterwegs stehen, um unsere Umgebung zu betrachten. Wir befinden uns hier mitten im phantastischen Steingarten, wie ihn keine menschliche Hand je schaffen würde. Alle lebendigen Pflanzen, ob es die Opuntien oder andere heimische Trockengewächse sind, passen so unheimlich gut in das Arrangement der Steinwand, wie es nur der liebe Gott machen konnte. Immer wieder und wieder drehen wir uns um und entdecken neue gelungene Kompositionen vor und über uns, bis wir ganz unten gelangen sind und feststellen können, daß der Abstieg gar nicht so schwierig, wie befürchtet, war.
Es bleibt uns nur noch eine Stunde nach Cadera, wo unsere Wanderung enden soll. Langsam nähern sich uns die ersten Häuser der kleinen Siedlung am Hang des Tals, abgeschirmt durch einen kahlen Fels. Schon hören wir die ersten Mopeds ohne Auspufftopf, schon begrüßt uns wieder die alltägliche Zivilisation. Nun was, alles findet mal sein Ende.


Epilog

Die uns noch verbleibende Zeit bis Samstag werden wir in einem schönen Appartement verbringen, uns ausruhen, viel lesen. Ab und zu machen wir einen kleinen Spaziergang zum Strand, wir werden am Meer irgendwo abseits auf einem Brocken sitzen und das Wasserspiel beobachten. Wir werden abends ein Restaurant ausfindig machen, die gomeranischen Spezialitäten kosten und dazu einen guten (spanischen, nicht unbedingt den gomeranischen) Wein trinken. Es ist auch eine Tageswanderung vorgesehen, rund um das Tal von Valle Gran Rey, die werden wir mitmachen. Und jeden Tag werden wir die wild herrliche Landschaft vor Augen haben, bis uns davon die Heimreise trennt.


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